Plattenglocken

Kurzportrait


  • Name: Plattenglocken
  • Schreibweise
    • Englisch: bell plates, plate bells
    • Französisch: cloches-plaques, cloches en lame de métal
    • Italienisch: campane in lastra di metallo
  • Klassifikation: Idiophon (Selbstklinger), Aufschlagplatte, Schlaginstrument mit bestimmter Tonhöhe
  • Ständer: Metallgestell mit Rädchen. Halbkreisförmiges Gestell für 13 Platten (= Oktave). Dieselben Ständer können auch für Tamtams und Gong verwendet werden
  • Platten: Aluminiumlegierung, Bronze, Stahl; rechteckige Form; Länge: von 30–100 cm; Breite: von 25–75 cm; Wandstärke: ca. 3–6 mm
  • Halteseile: Zum Aufhängen der Platten
  • Schlägel: Große flache Scheibe aus Holz, oft mit Metallkern, mit Filz oder Leder gepolstert

Plattenglocken sind seit dem Ende des 19. Jahrhunderts im Opern- und Symphonieorchester zur Imitation von Kirchenglocken verwendet worden. Während Röhrenglocken für den Klang im höheren Bereich eingesetzt werden, haben sich für den tiefen Bereich – etwa unterhalb des c – Plattenglocken klanglich bewährt. Daneben wurden – in früheren Zeiten – auch massive Stahlstäbe und andere Objekte aus Metall als Glockenersatz verwendet.

Geschichte

Glocken im Orchester

Im 18. Jahrhundert war der Einsatz von Glocken im Orchester äußerst selten. Zum ersten Mal sollen Glocken von J. S. Bach verwendet worden sein. Vor allem in dramatischen Kontexten in der Oper wurde der Glockenklang immer wieder gebraucht. Da die Verwendung von Kirchenglocken jedoch wegen der Größe und des Gewichts nicht in Frage kommen konnte, hat man Ersatzinstrumente gebaut. Eine Glocke mit dem Ton C wiegt 20 Tonnen. In einigen großen Theatern war ein Satz von Kirchenglocken fest installiert wie z.B. im Moskauer Bolschoi Theater, in der Grand Operà in Paris und in der Dresdner Oper.

Im Laufe des 19. Jahrhunderts hat es zahlreiche Versuche gegeben, den Glockenklang durch leichter handhabbare Ersatzinstrumente für das Opern- und Symphonieorchester nutzbar zu machen. Erfolgreich waren die Versuche, den Klang mittels Objekten aus verschiedenen Metallen nachzuahmen, wobei mit schwingenden Platten, Stäben, Scheiben, Gefäßen experimentiert wurde. Auch lange, dick umwickelte und mit Resonator verstärkte Klaviersaiten kamen zum Einsatz. Bayreuth (für Richard Wagners „Parzival“) und Covent Garden waren Zentren dieser Versuche.

Ziel dieser Versuche war die Integration von zwei Aspekten: einerseits wollte man den obertonreichen Glockenklang möglichst originalgetreu nachahmen, andererseits einen Klang bestimmter Tonhöhe erreichen.

Plattenglocken

Die Chinesen kannten bereits vor 4000 Jahren Glocken im Orchester. Auch Klangplatten aus Metall stammen aus Asien, wo sie seit vielen Jahrhunderten als Musikinstrument auch heute noch von größter Bedeutung sind. Im europäischen Raum kamen klingende Metallplattenglocken seit dem Ende des 19. Jahrhunderts zuerst im Theater zum Einsatz. Später wurden sie als Plattenglocken im Opern- und Symphonieorchester als Ersatz für große Glocken verwendet.

Im 20. Jahrhundert hat man ganze Sätze von chromatisch gestimmten Platten zu Plattenglockenspielen zusammengestellt. Für Pierre Boulez’ Mallarmé-Vertonung „Pli selon pli“ (1962) wurde ein Plattenglockenspiel von zwei Oktaven Umfang gebaut (C–c1). Heute sind Plattenglocken über einen Umfang von drei Oktaven erhältlich (C–c2). Die klanglich besten, aber auch schwersten und teuersten sind aus Bronze.

Bauweise

Die oberste Kante der Platten hat an zwei Stellen Löcher, durch die die Halteseile gezogen sind, an denen die Platten aufgehängt werden. Die Löcher befinden sich an den Knotenpunkten der Platte, d. h. an jenen Stellen, an denen die schwingende Platte keine Schwingungen ausführt. Durch diese Aufhängungsart wird der Klang nicht beeinträchtigt (eine Durchbohrung der Platte an schwingenden Stellen würde den Klang beeinträchtigen).

Die rechteckigen Platten haben etwa folgende Größen: 30 x 25 cm die kleinste und 100 x 75 cm (Länge mal Breite) die größte. Eine Aluminiumplatte dieser Größe (mit dem Ton C) wiegt etwa 6 kg, eine Platte mit dem Ton c2 (ca 30 x 25 cm) wiegt ca. 1 kg. Die größten Platten wiegen, wenn sie aus Bronze sind, etwa 30 kg, die Tonhöhe ist C. Man kann sich vorstellen, welche Klangkraft von ihnen ausgehen kann.

Die einzelnen rechteckigen Platten aus Aluminiumlegierung, Bronze oder Stahl werden an einem Gestell aufgehängt. Es entspricht der Praxis, nur diejenigen Platten aufzuhängen, die für die Ausführung eines bestimmten Stückes gebraucht werden.

Ein Satz chromatisch gestimmter Platten kann aber auch zu einem Plattenglockenspiel zusammengefasst werden. So bilden 13 Platten eine Oktave, die auf einem halbkreisförmigen Gestell wie bei einem Klavier angeordnet werden (die weißen Tasten bilden die untere Reihe, die schwarzen die obere). Der Spieler steht sozusagen vor dem Plattenglockenspiel wie vor einem riesigen Mallet-Instrument. Um sich weite Wege zu ersparen, kann der Spieler von der chromatischen Anordnung abweichen und die Platten so anordnen, dass sie für die Ausführung eines bestimmten Stückes möglichst günstig liegen.

Die Verwendungsmöglichkeiten reichen von einer einzelnen Platte, die vom Spieler mit der Hand gehalten werden kann, bis zu Plattenglockensätzen, die von 1 ½ bis 3 Oktaven Umfang reichen.

Die Platten sind Schwingungserreger und Resonator in einem. Zur Verstärkung der tiefsten Teiltöne bestimmter Platten, die nur ein begrenztes Klangvolumen im tiefsten Bereich haben, können hinter der betreffenden Platte kastenförmige Resonanzkörper aufgestellt werden, eine Praxis, die früher üblich war. Heute hat sich die elektronische Verstärkung mittels Mikrophonen und Lautsprechern bewährt. Ihr Vorteil liegt nicht nur in der Verstärkung der tiefsten Teiltöne, vielmehr werden nunmehr feinste Klangeinstellungen und subtilste Spieltechniken hörbar.

Schlägel

Schwere Schlägel in Hammerform aus Holz oder Schlägel mit Metallkern werden verwendet. Der Schlägelkopf ist je nach Härtegrad mit einer Schicht aus Leder oder Filz gepolstert. Die Länge des Stiels beträgt etwa 30–35 cm, die Länge des Plattenschlägelkopfes etwa 20–27 cm.

Um die tiefsten Platten in volle Schwingungen zu versetzen sind besonders schwere Schlägel (Scheiben) mit filzüberzogenem Kopf notwendig.

Für besondere Wirbel-Effekte werden auch Große Trommel-Schlägel oder Vibraschlägel verwendet.

Für Klangeffekte werden Holzschlägel (Trommelstöcke), Triangelschlägel, Kontrabassbogen und weitere Schlägel eingesetzt – der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt.

Notation

Die Notation ist klingend und erfolgt im Violin- oder Bassschlüssel.

Tonumfang

1 ½ Oktaven Umfang
C – e (17 Platten)

2 Oktaven Umfang
c – c2 (25 Platten)

3 Oktaven Umfang
C – c2 (37 Platten)

Tonerzeugung

Beim Spielen des Plattenglockenspiels sind folgende besondere Schwierigkeiten zu beachten: die großen Abstände der Platten, die unterschiedliche Größe, das Abdämpfen und der Blick zu den Noten und zum Dirigent. Längere Tonfolgen sind als nur in einem langsamen Tempo möglich, oder müssen sehr lange geübt werden, wobei exaktes Abdämpfen ein wesentlicher Bestandteil ist.

Das Gewicht und der Härtegrad der Schlägel beeinflusst den Klang: weiche Schlägel bringen eher den Grundton, harte Schlägel die Teiltöne zum Klingen.

Der Schlagfleck in der Mitte der Platte ergibt einen Klang mit deutlichem Grundton, der Schlagfleck im oberen oder unteren Drittel (Mitte) ergibt einen Klang, dessen Teiltonreichtum den Grundton verdecken kann.

Der Spieler dämpft den Nachklang mit der Hand ab.
Besonders zu erwähnen ist, dass der Spieler den Nachklang der großen Platten nur unter Einsatz seines ganzen Körpers abdämpfen kann. Hoffentlich pendelt die Platte nicht mit dem Spieler durch den Konzertsaal (-:

Spieltechniken

Einzelschläge

Auf dem Plattenglockenspiel sind vor allem Einzelschläge sinnvoll. Deren Klang ist von vielen Faktoren abhängig: Wahl des Schlägels (von weich bis hart, von leicht bis schwer), Schlagfleck (in der Mitte grundtönig, im oberen oder unteren Drittel teiltonreich), Schlagstärke. Da sich der Ton bei den größten Platten nur langsam aufbaut, sind schnelle Tonfolgen nur im höheren Bereich möglich. Darüber hinaus ist zu beachten, dass auch die Dämpfung der schwingenden Platten, die mit der Hand erfolgt, eine gewisse Zeit in Anspruch nimmt.

Klangcharakter

Tief, dunkel, feierlich, metallisch, nachklingend, schwebend, obertonreich, schwingend, glänzend, entfernt, dumpf, weich, resonant.

Die tiefen Plattenglocken kommen dem Klang der Kirchenglocken näher als die Röhrenglocken, ihr Klangeindruck wirkt echter. Die hohen Plattenglocken kommen dem Klang der Kirchenglocken kaum näher als die Röhrenglocken.

Der Klang der Plattenglocken unterscheidet sich von dem der Röhrenglocken.
Der Klang der Plattenglocken ist vom Schlagfleck und der Wahl der Schlägel abhängig.

Klangverbindungen

Zwei Hauptaufgaben kennzeichnen die Verwendung von Plattenglocken: Als Glockenersatz und als Klangfarbe. Die Verbindung mit Metallophonen aller Art ist von der Musik Ostasiens inspiriert worden und in die Orchestermusik des 20. Jahrhunderts übergegangen.

Die Verschmelzungsfähigkeit der Plattenglocken mit anderen Orchesterinstrumenten ist abhängig vom Klangaufbau. Aufgrund dieser Eigenschaften ergibt sich eine Klangverschmelzung besonders mit den Idiophonen aus Metall mit einer bestimmten Tonhöhe: Glockenspiel, Vibraphon, Gong. Darüber hinaus ergeben sich gute Klangverbindungen mit allen Instrumenten, deren Klang aus einem Anschlag und Nachklang zusammengesetzt ist: Becken, Tamtam, Pauke, Harfe, Klavier.

Plattenglocken und Röhrenglocken gleichzeitig gespielt ergibt eine machtvolle Klangverbindung.

Repertoire (Auswahl)

Plattenglocken im Orchester

  • Hector Berlioz

    • Symphonie Fantastique (1830)
  • Giuseppe Verdi

    • Der Troubadour (1853)
  • Giacomo Puccini

    • Tosca (1900)
  • Richard Strauss

    • Also sprach Zarathustra (1896)
  • Leoš Janáček

    • Aus einem Totenhaus, Oper (1930)
  • Anton Webern

    • Sechs Stücke für Orchester (1910, 1913)
  • Arnold Schoenberg

    • Die glückliche Hand (1913, 1924)
  • Pierre Boulez

    • Pli selon pli (1962)

Plattenglocken im Ensemble

  • Karlheinz Stockhausen

    • Musik im Bauch (1975)
  • Luigi Nono

    • Con Luigi Dallapiccola (1979)